100 Jahre ASV Frauenfeld: Jubiläumsschrift

In Protokollbüchern geblättert mit Hans Tiefenbacher

Die Armbrust bürgt als Zeichen für schweizerische Präzision, Qualität und Zuverlässigkeit in den Bereichen Gewerbe und Industrie, Handel, Landwirtschaft und Dienstleistungen. Aus diesen Sektoren der Volkswirtschaftrekrutieren sich seit jeher die Mitglieder des Armbrustschützen-Vereins Frauenfeld.

Nachfolgend einige kurze Ausschnitte aus der Jubiläumsschrift:

Die Motivation zur Vereinsgründung

Gründungsakten eines Vereins sind immer spannend. Leider sind für die Armbrustschützen keine mehr vorhanden. Vor allem wäre es interessant zu wissen, was 12- bis 16-jährige Jugendliche bewogen hat, mit einer Armbrust zu schiessen und gleich noch einen Verein zu gründen; in einem Lebensalter, in welchem eher ungebunden mit einer Steinschleuder auf Gelegenheitsziele – auf Spatzen und Strassenlaternen etwa – geschossen wird. Weit gefehlt! Im Thurgauischen Neujahrsblatt von 1826, «Frauenfeld, dargestellt nach seinem gegenwärtigen Zustand und seinen bisherigen Schicksalen», schreibt Johann Caspar Mörikofer: «Es war auch eine schöne Sitte der vorigen Zeit, um die Knaben bei fröhlichen Spielen, unter den Augen der Väter, mit der Armbrust und der Büchse nach dem Ziele schiessen zu lassen, und durch Preise ihren Wetteifer entflammen zu lassen. Nie hätte man diese Übung untergehen lassen sollen!» «Gutes mittleres Mass oder nur mittelmässig?» Die ersten Vereinsjahre scheinen wegen des jugendlichen Alters der Mitglieder besonders turbulent gewesen zu sein. Im Verlauf der Jahre wechseln erfreuliche Eintritte mit Amtsenthebungen wegen ungenügender Geschäftsführung, ärgerlichen Austritten infolge persönlicher Querelen, oder mit Ausschlüssen aufgrund unloyalen Verhaltens. Ein Mitglied wird zwar «mit der Bedingung wieder aufgenommen, kein grosses Maul mehr zu führen». Das Vereinsjahr 1912 hat gleich vier Präsidenten. Hans Gamper – zum Ehrenmitglied ernannt – muss das Amt nach zwei Jahren niederlegen, weil er nach Lehrabschluss in die Fremde zieht. Sein Nachfolger wird nach zwei Monaten abgelöst. Und dieser wiederum nach einem Monat. Ende Jahr «verpasst der Vorstand ohne Grund» die Monatsversammlung, worauf auf der Stelle ein neuer Vorstand gewählt wird. Nur der Präsident überlebt. Diese Jahre dürfen ohne Übertreibung als ungefestigte, unbeschwerte Periode charakterisiert werden. Nebst dem Schiessen («gewünscht wird, bald eine Schiessübung abzuhalten, was auch beim nächsten besten Sonntag geschieht») wird auch die Kameradschaft und Gemütlichkeit gepflegt. «Dann beschloss man am nächsten Sonntag, einen Vereinsausflug zu machen, anstatt die Schiessübung, und zwar in Richtung Mammern. Abmarsch 6 Uhr morgens. »Missmut und Hochstimmung lösen sich ab. «Ich war also wieder allein [an der Delegiertenversammlung] wie damals am Langdorfer Fest und dann musste ich noch froh sein, dass unser Kassier noch 5 lumpige Fränklein aus der fast 80 frs. bestehenden Kasse zusammenbrachte. Von jeder kleinen Sektion waren 3 beteiligt. Nur ich hatte das Vergnügen, allein dazustehen. Ich musste mit Lug und Trug der Schande der Sektion Frauenfeld ausweichen. Wäre nicht der Most und der Wein gewesen, ich hätte auch gar nichts aufgeschrieben».

Zur Abwechslung wieder mal etwas anderes

Um der Monotonie der Heimschiessen zu entgehen, wird gelegentlich Neues eingeführt ohne Altbewährtes aufzugeben. Einige Beispiele:
  • Um die «Anwesenheit nicht nur auf dem Papier feststellen zu müssen, soll der Schützenmeister berechtigt sein, an 3 bis 4 Übungen einen Sektionsstichbefehlen zu können und diese auch in die Rangierung kommen, fallen sie an wie sie wollen».
  • Der «Differenzler» mit fünf addierten Schüssen auf 100er Scheibe etwa, oder das «Jahrzahlschiessen». So blöd dieser Stich auf den ersten Blick scheinen mag, er erfordert höchste Konzentration und Zielsicherheit. Wer schiesst schon – in jahrelangem Training getrimmt auf den Haltepunkt zu visieren– gewollt auf eine 9 oder eine 1?
  • Das Programm eines Eröffnungsschiessensumfasst maximal 10 Probeschüsse,10 Schuss auf 10er Scheibe, 5 Schuss auf 20er Scheibe und 5 Schuss auf je eine Mouchenscheibe. Beim Goldvreneli-Stich sind 10 Mouchenscheiben obligatorisch (Fr. 15.-), bis zu 10 weitere (je Fr. 2.-) möglich. Die 4 besten Mouchen mit 98 und mehr zählen. Der Sieger erhält das Goldvreneli. Zusätzlich wird für einen 100er Fr. 40., für einen 99er Fr. 20.- ausbezahlt.
  • Sektionsmeister: Passen zu 10 Schuss auf 25er Scheibe. Doppel pro Passe 50Rp. Am ersten Schiesstag muss jeder Schütze die erste Passe schiessen. Nach jeder Austragung wird der Teilnehmer ausgeschieden. Die letzte Ausscheidung wird am Endschiessen ausgetragen. Der Schützenmeister befiehlt jeweils die Zwischenrunden, «damit der Stich nicht auf die lange Bank geschoben wird». Die Ränge 1 bis 6 erhalten eine Barauszahlung.
  • Eine originelle Idee war ein Stellvertreterschiessen für einen verunglückten Kameraden. Damit dieser fleissige Schütze trotzdem an einem Endschiessen in die Ränge kommt, haben vom Schützenmeister bezeichnete Schützen für den Gabenstich je einen Schuss abzugeben. Das Stichgeld wird zudem aus der Vereinskasse bezahlt.
  • Etwas Ausgefallenes dachte sich 1938der Schützenmeister in der Art eines Jagdschiessens mit dem Stich «3 Schuss auf den laufenden Hasen» aus. Einsatz30 Rappen. Auszahlung: 10er = Fr. 1.-,9er = 80 Rp., 8er = 40 Rp., 7er = 20 Rp., Stotzen = 1 Flasche Bier; Schwanz = 1 Brot; Kopf = 1 Wurst. Bussen: Brille20 cts., Ohren, Beine, Leib 10 cts. Das Brillengestell zählt mit. Fällt z.B.1 Schuss ins leere Trefferfeld, verletzt aber das Brillengestell, so ist Busse und Wiederholung des Schusses gegeben. Leeres Trefferfeld berechtigt zur Wiederholung des Schusses.» Das Protokoll vermerkt einstimmige Annahme des Vorschlages.

Leistungsstark und kompetent

Der ASVF ist kein Grossverein; er ist es auch nie gewesen. Aber er leistet Grosses. Im Verein sind Mitglieder – altersmässig gut gemischt – die das Armbrustschiessen als persönliches Erlebnis und in kameradschaftlicher Gruppendynamik pflegen und fördern. Als Abwechslung im Alltag, als Ausgleich zum Berufsleben; zur Bereicherung der Freizeit lieben die Amateure den Wettkampf, um «einen gemütlichen Tag zu erleben»; die Eliten suchenden Wettkampf als sportliche Herausforderung. Frauenfeld gehört zu den Spitzenvereinen in der Schweiz und hält seit einigen Jahren einen Platz in der obersten Stärkeklasse.