Weshalb ein General-Weber-Schiessen in Frauenfeld?

Jeder Frauenfelder kennt das Weberdenkmal oben an der Thundorferstrasse und weiss, dass es jetzt sogar eine General-Weber-Strasse gibt. Wer war eigentlich dieser General Weber? Es ist nicht ohne Reiz, seine Laufbahn etwas genauer zu verfolgen, weil dabei manch bezeichnendes Licht auf die Zeiten fällt, die zu den düsteren der ganzen Schweizer Geschichte gehören.

Südlich des Bielersees in der Kirchgemeinde Ins, liegt das Bauerndorf Brüttelen. Die Familie Weber daselbst genoss von jeher das Vertrauen der Gnädigen Herren zu Bern und hatte überdies eine ausgesprochene Neigung zum Waffenhandwerk. Vater Weber stand in französischem Kriegsdienst, den er 1766 als Oberleutnant quittierte, um dann als «Meier (Statthalter) der Grafschaft Erlach» zu amten. Sein Ältester, Abraham Vincenz, verdiente bei der gleichen Einheit, wie der Vater, die Sporen ab, erhielt 1798 eine Offiziersstelle in der Heimat, focht im Grauholz wacker gegen seine früheren Brotgeber und wirkte fortan als helvetischer Milizinspektor und Platzkommandant von Bern. Ein tüchtiger, aber wegen seiner robusten Umgangsformen nicht eben «gesuchter» Vorgesetzter, dieselbe Entschiedenheit, nur mit feinerer Tonart gepaart, eignete dem Bruder Johann am zweiten - nicht, wie die Gedenktafel will, am ersten - November 1752 geboren, kann Johann nach einer einfachen ländlichen Erziehung und ohne allzu gewichtigen Schulsack zum Torberger Landvogt Franz Ludwig von Grafenried als Hausdiener auf dessen Landgut Worb. Doch auch ihn lockten Uniform und weite Welt. Kaum 18jährig, meldete er sich als Rekrut bei einem Berner Regiment in den Niederlanden und erhielt dort eine in jeder Hinsicht vorzügliche Schulung. Nachteilig war einzig die geringe Aussicht auf Beförderung, weil die gut besoldeten Offiziersstellen möglichst dem helvetischen Blaublut zugeschanzt wurden. Umgekehrt herrschte bei Hollands eigenen Beständen Nachfrage nach ausländischem Kader, weshalb Weber nach etlichen Jahren in das Regiment van Dopff hinüberwechselte, dessen Befehlshaber zugleich Generalquartiermeister war. Obwohl erst Adjutant Unteroffizier, erlaubte er sich, kräftig mitzureden und nötigenfalls sogar mit der Strafe des Spiessrutenlaufens aufzuwarten. Das leuchtete den Herrschaften ein und ermöglichte den Aufstieg vom Fähnrich weg über die Offiziersleiter bis zum Major. Die beiden Feldzüge gegen die französische Revolutionsarmee machte er als Stellvertreter des Generalquartiermeisters und Adjutant des Prinzen von Oranien mit, reiste jedoch nach dem Fall Hollands, wie die übrigen Schweizer, 1795 in die Heimat zurück. Nun einfach tatenlos von der mageren Pension zu zehren, das freilich durfte man einem Weber aus Brüttelen nicht zumuten.

Allmählich verdüsterte sich der politische Himmel für die Schweiz selber. Französisches Militär besetzte die Juragrenze und schob sich zangenartig aus dem Elsass und dem Waadtland vor. Dem zur Abwehr aufgebotenen Korps ward Johann Weber anfangs 1798 als Generaladjutant mit Majorsrang zugeteilt. Kennzeichnend für ihn, dass er vorschlug, dem Angreifer durch einen Einmarsch nach Frankreich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Es blieb beim Vorschlag, da die Behörden weiter zu unterhandeln hofften, damit den günstigen Zeitpunkt verpassten und die Stimmung der Milizen verdarben. Als endlich beschlossen war, zunächst nordwärts zu sperren, kapitulierte Solothurn, und bei der allgemeinen Verwirrung bestand der wesentliche Erfolg darin, dass man sich einigermassen geordnet auf Bern zurückmanövrierte. Schon während dieser Operationen der Division Rudolf von Grafenried lastete die Hauptverantwortung auf den Schultern Webers. Nachher, an der Südfront, erst recht. Dort erzwangen am 4. März fränkische Kerntruppen aus den italienischen Feldzügen nach der Ausschaltung Freiburgs den Übergang über die Sense. Da Grafenrieds Nerven versagten, nahm sein Aide de camp Weber die Zügel an sich, sammelte am folgenden Morgen, was zwischen Bern und Neuenegg zu sammeln war, pirschte sich mit kaum zweitausend Mann durch den Forst vor, stürmte trotz mörderischem Geschosshagel los und warf in hartem Ringen den an Zahl weit stärkeren Gegner über das Tal ins Freiburgische zurück. Neuenegg war sein Ehrentag. Wie aber ein Dragoner herangaloppierte, meldete, was im Grauholz geschehen sei, und den Befehl zur Einstellung des Feuers vorwies, schlug die Siegesbegeisterung in helle Empörung um, die sogar zu Tätlichkeiten gegenüber den Vorgesetzten führte.

Bern war gefallen. Das helvetische Direktorium, das nun ans Ruder kam, begann mit dem Neuaufbau des Heerwesens. Neben einer eigenständigen Helvetischen Legion, die allen Bemühungen zum Trotz ein Zwerggebilde blieb, war ein Hilfskorps von achtzehntausend Mann in sechs Halbbrigaden vorgesehen, das mit den Franzosen zusammen den frischbackenen Einheitsstaat schützen sollte. Sobald eine erste Halbbrigade beisammen war, ernannte man anfangs Januar 1799 Johann Weber zu deren Kommandanten. Indessen stellte er so weitgehende Bedingungen und nahm der Besetzungsmacht gegenüber so wenig ein Blatt vor den Mund, dass die Wahl auf Wunsch Schauenburgs und des französischen Gesandten rückgängig gemacht werden musste. Wer sich übrigens vorstellen sollte der Papierkrieg sei eine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts, der versuche einen Spaziergang durch den Dschungel der von Strickler gesammelten helvetischen Akten!

Als sich bei Ausbruch des zweiten Koalitionskrieges ein Waffengang zwischen Frankreich und Österreich auf Schweizerboden abzeichnete, erfuhr der Ordre de bataille eine Änderung von Grund auf × reichlich spät. Die winzige Legion blieb unangetastet, aber das Hilfskorps von Freiwilligen hatte nicht gedeihen wollen und machte jetzt einer regulären Milizarmee von einundzwanzigtausend Mann Platz, deren Bataillone in drei Gruppen je einem sogenannten Generaladjutanten unterstellt und so auf französische Verbände verteilt wurden. Zum Oberbefehlshaber aller schweizerischen Truppen avancierte der bisherige Legionschef, General Augustin Keller aus Solothurn, der sich, obwohl ihm einst unter Frankreichs Fahnen ein Husarenstücklein gegen die Engländer gelungen sein soll, als fragwürdiger Stratege erwies und ausserdem zusehends versumpfte. Der zum Generalstabschef gewählte Gaudenz von Salis-Seewis war gewiss ein edler Mensch und Dichter, als Soldat aber zu weich und umständlich. Weber erhielt den Posten eines der drei Generaladjutanten, kommandierte also ungefähr eine Brigade im heutigen Umfang. Unterdessen näherten sich zwei österreichische Armeen: Erzherzog Karl, der Jourdan bei Stockach geschlagen hatte, von Schaffhausen, Marschall Hotze von Feldkirch her. Dieser überschritt den Rhein bei Maienfeld, jener am 21. Mai bei Stein. Klar, dass die Vereinigung der beiden Kolonnen geplant war.

In der helvetischen Miliz wollte, dem Wesen ihres Generalissimus entsprechend, nichts recht klappen. Die Thurgauer Auszüger, wurde unter anderem bemängelt, trügen die Patronen zumeist in den Rocktaschen, was in jeder Hinsicht gefährlich sei. Erst fünf Minuten vor zwölf gelang es dem von der Regierung zum Zivilkommissär bei der Armee bestellte und mit fast unbeschränkter Vollmacht ausgestatteten Senator Bernhard Friedrich Kuhn, etwas Schwung in die Sache zu bringen, wobei ihm namentlich Weber an die Hand ging. Dieser versäumte nach wie vor nicht, unmissverständlich den Kropf zu leeren. Nach der Erledigung seines Auftrages erstattete Kuhn im Sommer einen schonungslosen und manchen Punkten geradezu vernichtenden Schlussbericht.

Webers Bataillone, mit der Division Quidinot verkoppelt, kamen in die Umgebung von Winterthur zu stehen und hatten die zürcherische Rheinlinie zu sichern. Mitte Mai 1799 entschloss sich der französische Oberkommandierende, Masséna, den Zusammenschluss Erzherzog - Hotze zu unterbinden, und befahl am 25. früh den Angriff mit dem Zentrum Richtung Frauenfeld. Während dort Karls Vorposten über die Thur zurückgedrängt wurden, näherte sich Hotze durch das Murgtal herab und bedrohte die rechte Flanke. Das zwang den französisch-helvetischen Hauptharst zu einer Frontverschiebung. Er stiess jetzt aus dem Langdorf gegen Krämershüsli (heute Neuhof) und Huben vor, wo Petrasch mit der Spitze der Kolonne Hotze, sechs Bataillonen und ebensoviel Schwadronen, im Nu Stellung bezog. Beim Vorausreiten ward Weber von einem Tiroler Schützen in Kopf und Rücken getroffen, dann von seinen Leuten halbtot in die Stadt hinunter gebracht, wo er, weil keine ärztliche Hilfe aufzutreiben war, nach wenigen Stunden verblutete. Bei Einbruch der Nacht bestattete man ihn auf dem katholischen Friedhof - doch wohl bei der Nikolaikirche. Eile tat not; denn nach kurzem Hin und Her musste Quidinot das Feld räumen und hinter die Töss zurückgehen.

Unterdessen hatten Kuhns Mahnungen der Regierung die Augen geöffnet. Sie erwog zunächst nur eine Vertauschung der Posten zwischen Weber und Salis, machte aber endlich am 24. Mai, am Tag vor den Frauenfelder Ereignissen, ganze Arbeit, setzte Keller ab und bestimmte Weber zu seinem Nachfolger. Diese Nachricht erreichte ihn nicht mehr. Ebenfalls noch ahnungslos, kneipte Keller weiter herum und schickte «im Schlachtfeld bei Frauenfeld, den 25. Mai» an den Zivilkommissär einen Rapport der folgende läppische Betrachtung enthält: «Ich kann nicht verstehen, wo es herkommen mag, dass gar kein Brandtwein für unsere Helvetier zu finden ist, da die Franken, wie auch die Kaiserlichen, ihre Leute grossmütig mit Brandtwein in der Fatigue des Krieges unterstützen ... Ich hoffe bis morgen Brandtwein zu empfangen.» der «Schnaps» traf folgenden Tages in Form des Entlassungsschreibens ein. Zu einem Jahr Gefängnis verknurrt, tauchte Keller schliesslich irgendwo in der Grande Nation unter. Das helvetische Oberkommando blieb unbesetzt. Überhaupt verschwanden die Schweizer allmählich vom Kriegsschauplatz, teils gefangen, teils desertierend, der Rest verlottert und zum Felddienst unbrauchbar, Webers starke Hand und Begeisterungsfähigkeit fehlte.


Johann Weber war eine ungewöhnliche stattliche, männlich schöne Erscheinung mit allen Anlagen zum Feldherrn und mit erstaunlichem Organisationstalent. Allzu billig, ihm nach anderthalb Jahrhunderten vom sichern Hort etwas am Zeug flicken zu wollen, weil er, obwohl so oft Gegenspieler der Franzosen, zuletzt doch an ihrer Seite marschierte. Soldat vom Scheitel bis zur Sohle, konnte er dem Vaterland nur in dieser Eigenschaft dienen, auch unter den schwierigen politischen Verhältnissen, für die ihn wahrlich keine Schuld traf. Kuhn übertrieb nicht, wenn er dem Direktorium gegenüber erklärte, Weber wäre geradezu als einziger Offizier der Armee dem Oberkommando gewachsen. In der Sitzung vom 3. Juni zu Bern zollte der Senatspräsident dem Toten höchstes Lob. Masséna widmete ihm nicht minder ehrenvolle Worte, und der nachmalige Marschall Soult, der am Tage von Frauenfeld die Reserve kommandiert hatte, bezeichnete ihn in seinen Memoiren als officier d'un rare mérite. Dass der spätere Schlossherr von Steinegg, Bernhard Zeerleder, wenngleich eine ganze Generation jünger, den von ihm verlehrten Helden noch persönlich gekannt habe, ist anzunehmen. Er wurde selber Offizier, zuerst in österreichischen Diensten, 1847 als unbeugsamer Konservative Kommandant eines Luzerner Bataillons im Rahmen des Sonderbundes. Ausser dem Gedenkstein, den er beim «Krämerhüsli» stiftete, hat er auch «Erinnerungen an Weber» hinterlassen, die nach des Verfassers Tod gedruckt wurden.